Freitag, 5. September 2014

Wo die Liebe hinfällt

Für mich war lange klar, dass ich, sollte ich wieder eine Beziehung eingehen, jemanden an meiner Seite haben wollte, der mindestens Vegetarier, besser Veganer ist.
Das hat nichts damit zu tun, dass ich Nicht-Veggies nicht schätze. Vielmehr ist es Ausdruck eines tiefen Wunsches, dass in einer Beziehung die Eckpfeiler der Weltanschauung, die Dreh- und Angelpunkte des Wertempfindens, ähnlich verteilt sein sollten. Ich schätze viele Menschen, die sich nicht fleischlos ernähren, aber ihnen fehlt das Verständnis und damit der Zugang zu einem relevanten Teil meiner Weltsicht und damit auch meiner Person und umgekehrt verhält es sich ebenso.

Vegan zu leben ist für mich nicht nur ein Spleen. Ich erwarte keine positiven Effekte davon. Weder habe ich abgenommen, noch fühle ich mich energiegeladener, gesünder, klüger oder besser. Das einzige was ich behaupten kann ist, dass ich durch die Entscheidung vegan zu leben und die tägliche Entscheidung dieses Leben weiterzuführen 'näher' an meinem ethischen Konzept agiere. Mir ist es ein tiefes Bedürfnis, möglichst wenig negative Auswirkung auf andere zu haben. Insofern ist die Entscheidung vegan zu leben auch lediglich eine Facette vieler kleiner Dinge, die ich von den meisten unbemerkt tue. Mit Sicherheit ist sie die für meine Mitmenschen präsenteste.

Das führt oft dazu, dass ich meinen Veganismus kleinrede. Gerade vor Menschen, die diese Überzeugung nicht teilen. Permanent  versuche zu vermitteln, dass das eine höchstpersönliche Entscheidung ist, die bei jedem anders ausfallen kann. Um den Druck aus dem Gespräch zu nehmen, betone ich gerne die negativen Aspekte des Vegan-Seins, halte mit Informationen hinter dem Berg, weil niemand etwas hören will vom Küken sexen und Frühkastration bei Schweinen. Weil doch nur abgewunken wird, wenn ich Studien zitiere, die den Gesundheitszustand deutscher Mastputen beleuchten oder den Prozentsatz fehlerhafter Betäubungen beim Schlachten. Und weil mir gerne erklärt wird, dass Experimente, in denen Studenten um den Preis für das Leben einer Maus feilschen, ethisch nicht vertretbar seien, da 'man Leben nicht gegen Geld aufwiegen könne', während das Gegenüber fröhlich in seine Wurstsemmel beißt. Aber die Rücksichtnahme ist nicht der einzige Grund. Ich erzähle es nicht mehr, um mich vor der Gleichgültigkeit zu schützen.

Es ist mir unerträglich, dass Menschen, die ich schätze, aus diesem Wissen keine Konsequenzen ziehen. Dass sie vielmehr unehrlich sind, behaupten, dass sie ja nur gelegentlich ein Stück Biofleisch äßen, vom Metzger ums Eck, der jedes Tier persönlich seit der Geburt kennt. Je näher mir jemand steht, desto unbegreiflicher ist es für mich, dass er einfach nicht sieht, was ich sehe. Ich ertrage es nicht, Menschen die mir lieb sind, die mir teils unendlich viel bedeuten, mit einer abwinkenden Handbewegung ihr Recht auf Unwissen einfordern zu sehen. Oder das stumme Schweigen, wenn jemand nicht weiß, was er zu all dem sagen soll, um mir am Tag darauf anzuhören, wie 'geil' das Bacon-Sausage-Eggs-English-Breakfast zum Billigpreis war. Ich will lieber glauben, dass mein Umfeld in Unwissenheit lebt, weil ich mich sonst zu sehr damit auseinandersetzen müsste, dass etwas Elementares zwischen uns fehlt.

Natürlich ergibt sich daraus auch oft die Frage, ob ich nicht vielleicht im Unrecht bin. Wie könnte jemand, den ich so sehr mag auch falsch liegen? Ein Mensch, dessen Meinung ich unendlich schätze und dessen Rat ich gerne in jeder erdenklichen Lebenslage einhole, wie kann der bei so etwas (für mich) Wichtigem irren oder ihm keine Bedeutung beimessen?
Oft frage ich mich, ob nicht vielleicht ich falsch liege. Aber eigentlich bin ich sicher, dass mein Lebensstil für mich der richtige Weg ist. Eher bin ich mir selbst zu inkonsequent.

Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem man sich verliebt. Und 'er' ist kein Veganer. Kein Vegetarier, Fairtradekäufer, Palmölvermeider und auch sonst kein ethischer Konsument. Und jedes Mal, wenn er sich für die nicht-faire-Schokolade, die Tierversuchskosmetik oder die Würstchen vom Buffet entscheidet, fühlt es sich an wie ein Schlag in die Magengrube, weil es mir vor Augen führt, dass da etwas zu grundlegend auseinandergeht.
In meinem Umfeld wird mein Lebensstil oftmals wahrgenommen wie eine Allergie. Die Wahrnehmung scheint zu sein, dass mein Verzicht auf tierische Produkte den gleichen Stellenwert in meinem Leben einnimmt, wie das Meiden von Brot bei einem Glutenintoleranten. Dabei handelt es sich um zwei unterschiedliche Dinge. Mein Verzicht ist jedes Mal Ausdruck einer persönlichen Entscheidung, kein äußerlich begründeter Zwang und je näher mir ein Mensch steht, desto wichtiger ist mir, dass er alle Aspekte meiner Persönlichkeit akzeptieren und nachvollziehen kann. Das muss nicht zwangsläufig dadurch ausgedrückt werden, dass er die gleichen Konsequenzen zieht, aber wenn selbst die Beschäftigung mit den für mich wichtigen Themen ausbleibt, wo ist dann die gemeinsame Basis?

Natürlich kann man sich in gewisser Weise arrangieren. So bleibt mein Kühlschrank fleischfrei und ich sollte ihm hoch anrechnen, dass er für mich vegan kocht, ohne zu murren vegan bei mir isst und bei der Restaurantauswahl darauf achtet, dass ich auch etwas bekomme. Das ist schon viel mehr als ich ansonsten aus meinem Umfeld gewohnt bin.
Tatsächlich bin ich mit meinem Pflanzismus ziemlich allein. Allerdings suche ich mir Menschen und Freunde nicht explizit nach ihren Ernährungsgewohnheiten aus, auch wenn ich immer wieder überrascht bin, wenn diejenigen, mit denen ich mich besonders gut verstehe, in mancherlei Hinsicht ganz andere Ansichten haben als ich. Freundschaften entstehen organisch, sie nur auf einer Gemeinsamkeit aufzubauen würde dem nicht gerecht werden.

Und so verhält es sich auch mit Beziehungen. Die entstehen bei mir nicht durch das Treffen auf einem Gleichgesinnten-Stammtisch, denn da bin ich nie und erst recht ginge ich da nicht hin, um selbigen als Partnerbörse zu nutzen. Beziehungen wachsen, festigen sich, führen im besten Fall irgendwann in eine gemeinsame Richtung. Aber wie soll die Gemeinsamkeit mit jemandem aussehen, dem das Verständnis für die Eckpfeiler der eigenen Überzeugungen fehlt?
Zumindest mir geht es so, dass ich niemanden überzeugen möchte. Das letzte was ich will ist, dass mein Partner wegen mir oder um der Beziehung willen sein Leben ändert, denn das wäre unehrlich und schlussendlich auch nicht zielführend. Denn es geht nicht um die Angleichung von Essgewohnheiten, wie man es beispielsweise aus Rücksicht auf eine Allergie des Partners machen würde, sondern darum, dass Werte geteilt und tiefliegende Persönlichkeitsstrukturen übereinstimmen. Das passiert nicht, wenn einer aus Rücksicht auf den anderen auf das 'Voressen' inkriminierter Lebensmittel verzichtet. Zwar ist es in einer Gemischt-Köstler-Beziehung auf Dauer unerlässlich, bestimmte Essens-, Kühlschrank- und Küchenregeln aufzustellen, dabei handelt es sich aber nur um einen notwendigen Beziehungskompromiss, nicht um eine Angleichung der Lebensstile.
Gerne zitiert mein Umfeld die Folge des Tatortreinigers, in der selbiger die Beziehung einer Veganerin kittet: Diese hat sich von ihrem Freund getrennt, weil er heimlich Fleisch gegessen hatte und nicht bereit war, das grundsätzlich aufzugeben. Mit einem Kompromiss werden alle glücklich: Der Tatortreiniger, ein Vielfleischesser, verzichtet auf einen großen Teil seiner Fleischmahlzeiten, dafür darf der Freund ab und an ein Steak essen und die Beziehung ist gerettet. Aber das geht am Thema vorbei. Es ist nicht so, dass ein einzelnes nicht gegessenes Stück Fleisch ein Tier retten würde. Der wichtigste Grund für den Wunsch nach einem Partner, der die eigenen Überzeugungen teilt, ist eben der nach einem Partner, der die eigenen Überzeugungen teilt. Tut er das nicht, so hilft es nicht, dass er sie ein wenig oder manchmal teilt, oder sich auf die Konsequenzen der eigenen Weltsicht einlässt. Es geht nicht um die Verhaltensabstimmung, sondern um ein gemeinsames Weltbild.

Eine Patentlösung gibt es wohl nicht. Viele glückliche Beziehungen zwischen Veggies und Nicht-Veggies zeigen, dass unterschiedliche Ernährung kein Ausschlusskriterium sein muss. Ich bin davon überzeugt, dass das zum einen damit zusammenhängt, wie beide Seiten ihre Ernährungsentscheidungen definieren. So mag jemand, der aus Tierschutzgründen auf Fleisch verzichtet, durchaus Anknüpfungspunkte mit einem Biofleischesser finden, während diese Kombination aus Tierrechtlerperspektive schon schwieriger sein dürfte. Grund dafür ist, dass es sehr unterschiedliche Perspektiven und Beweggründe für die Frage Fleisch oder kein Fleisch gibt.
Wer die Nutzung von Tieren aus ethischen Gesichtspunkten grundsätzlich ablehnt, wird sich mit dem Argument der 'guten Behandlung' nicht zufrieden geben. Wer Tierprodukte aufgrund der Zustände in der Massentierhaltung ablehnt, ist dagegen wohl aufgeschlossener für Tierprodukte aus bestmöglicher Haltung.
Zum anderen ist aber auch das Gesamtpaket ein wichtiges Kriterium. Denn all das heißt nicht, dass es nicht trotzdem Wege gibt, eine Beziehung aufzubauen, in denen beide unterschiedlicher Ansicht sind. Schließlich besteht jeder Mensch aus sehr vielen Facetten und so mag manchem sein Veganismus wichtig sein, aber andere Dinge eben noch wichtiger und relevanter für die Beziehung.
Tatsächlich wird es schwierig, wenn ein Partner Ansichten des anderen in für ihn relevanten ethischen Fragen ablehnt. Nimmt einer die Entscheidung für ein Veggie-Leben lediglich als Spleen hin oder wird der Fleischkonsum als so unangenehm erlebt, dass er in der Wahrnehmung des Partners schlussendlich alles überlagert, ist eine Beziehung wohl zum Scheitern verurteilt.

Kommentare:

  1. guter beitrag und ich kenn dein dilemma nur zugut.
    bei meiner familie zB bin ich aber einfach gerne der nervige veggie - da kann ichs nicht unterdrücken.
    mein freund und ich lernte uns damals noch als omnivoren kennen. ich wurde veggie...er erst 5 jahre später. aber dennoch gibt noch viel mehr zu beachten wie du selber schon schreibst. zB kosmetik, aber ich bin über jeden kleinen schritt froh.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. das kann ich gut verstehen, wobei sich gerade Sachen wie Kosmetitka vollkommen meinem Verständnis entziehen.... es gibt so viele Produkte auf die man ausweichen könnte und selbst wenn man beim Essen nicht drauf verzichten kann/will, welches Shampoo und Duschgel man nutzt, ist ja eigentlich nicht wirklich relevant... zumal ja nun wirklich niemand ernsthaft für Tierversuche für Kosmetika ist...

      Löschen
  2. Ich glaube, dass es eine Herausforderung ist einen Partner zu suchen wenn man vegan lebt. Die Partnersuche ist sowieso schon nicht einfach und wird dadurch doch noch ziemlich eingeschränkt. Ich kann mir auch nicht vorstellen, an dem Punkt an dem ich jetzt bin, einen neuen Partner zu haben, der über sowas wie Fleischverzicht, Tierleid etc. noch nie wirklich nachgedacht hat.
    Mein Mann ist auch kein Veganer, aber Vegetarier und wir sind da einfach zusammen reingewachsen. Als wir vor 11 Jahren zusammengekommen sind war ich Vegetarierin und er normaler Omi, ich wurde irgendwann vegan, er vegetarisch und er tolleriert es, dass unser Haushalt 100% vegan ist und auch unsere Tochter entsprechend aufwächst. Im Gegenzug tolleriere ich, dass ich nicht entscheide wie er zu leben hat und dass er bei der Arbeit "nur" vegetarisch isst und Lederschuhe trägt.

    Wahrscheinlich ist Tolleranz das Stichwort, in beide Richtungen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich denke du hast recht. Beziehungen sind ohnehin immer ein Balanceakt, allerdings fällt es mir einfach ungleich schwerer etwas hinzunehmen, was ich aus sehr starken Gründen aufgegeben habe, als einfach 'nur' eine Marotte zu übersehen, die ich nicht nachvollziehen kann...

      Löschen
  3. Ein toller Artikel.Ich finde gerade so toll, dass du eher über die emotionalen Probleme schreibst, als die die praktischen. Ich kenne alle Gedanken, die du beschreibst, sehr gut.

    AntwortenLöschen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.